„Liebe Helga. Als Du schwanger wurdest und mich batest, Dir nach Reykjavík zu folgen, kam ich an eine Kreuzung meines Lebens. Der Weg, den ich bis dorthin gegangen war, teilte sich nun in zwei Wege. Ich ging sie beide. Und dennoch keinen richtig, weil ich den einen ging – aber all mein Sinnen stets auf der anderen Seite war. Bei Dir.“
So schreibt der 90jährige Schafbauer Bjarni seiner Geliebten Helga am Ende seines Lebens. In seinem Brief zieht er Bilanz und versucht herauszufinden, warum er in seinem Leben gehandelt hat, wie er gehandelt hat und fragt sich, „warum man, um alles in der Welt, eine andere Frau begehrt als die eigene, sein ganzes Leben lang, ohne jedoch irgendetwas zu unternehmen, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.“ Der Roman „Antwort auf den Brief von Helga“ des preisgekrönten isländischen Schriftstellers Bergsveinn Birgisson erschien 2010 und erfuhr seither zahlreiche Adaptierungen. Zuletzt feierte er 2023 die Premiere seiner Verfilmung beim Trømso International Film Festival in Norwegen. Verwoben mit der vorzeitlichen Landschaft Islands und den mittelalterlichen Isländersagas, ist der Text ein Stück Weltliteratur. Denn die Liebesgeschichte zwischen dem Bauern Bjarni mit seiner Helga vom Nachbarhof ist beispielhaft und stellt sich universellen Fragen: Wer bin ich? Wer kann ich sein? Wer hätte ich mit Dir sein können? Wovon reden wir, wenn wir von Liebe, von Leidenschaft und Freundschaft reden? Der Schafbauer Bjarni ergründet schonungslos und offenherzig nichts Geringeres als das Paradoxon „Mensch-Sein“, der, wie er auch einmal frei nach Apostel Paulus meint, „das Gute, das er will, nicht tut, aber das Böse, das er hasst, tut.“ Dem Existentiellen wird in dieser Geschichte mit Poesie und trockenem Humor begegnet, beides hat die österreichische Übersetzerin und Lektorin für Isländisch, Eleonore Gudmundsson, nun in ihrer Neuübersetzung (die 2022 im Residenzverlag erschienen ist) eingefangen. Ursula Scheidle hat sich der Übersetzung Eleonore Gudmundssons angenommen und den Abschieds- und Liebesbrief für die Ö1-Hörspielredaktion bearbeitet.
